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Ich bin frei – nach 54 Jahren

mein Opa

Werner Baumann hat es jetzt amtlich: Er war und ist kein Kriegsverbrecher. Foto: SZ/Gröning

Ich bin frei – nach 54 Jahren"

1949 wurde Werner Baumann aus Hoyerswerda zum Tode verurteilt, nun ist er rehabilitiert

Von Stefan Schirmer

Ende Januar bekam Werner Baumann amtliche Post aus Rostow am Don. Der Brief trägt das Datum 24. Dezember – Heiligabend. Für den 97-Jährigen war das Schreiben die schönste Bescherung seines Lebens. Auf diesen Brief hat er ein halbes Jahrhundert lang gewartet.

Im Umschlag steckten drei Seiten. Vorne prangt darauf das russische Staatswappen, ganz am Ende hat ein Richter am Militärgericht des Nord-Kaukasus unterschrieben. Dazwischen stehen einige Sätze auf Kyrillisch. Weil er sie nicht genau verstand, ließ Werner Baumann sie übersetzen. Am Telefon erfuhr er den Inhalt. Danach, sagt sein Sohn, der in der Wohnung unter ihm lebt, danach habe er den Vater aufgeregt rufen hören: „Ich bin frei – nach 54 Jahren!“

Seine Freiheit verloren hatte Werner Baumann am Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Leipziger war 1945 Gefreiter in Frankreich an der Westfront. Erst nahmen ihn Amerikaner gefangen. Zurück in Sachsen, wurde er 1946 von den Russen verhaftet. Er schuftete in sowjetischen Kriegsgefangenenlagern. Laut Beschluss der Siegermächte hätte Baumann bis Ende 1949 entlassen werden müssen. Doch die Sowjets ließen tausende deutsche Soldaten nicht gehen.

Das Urteil: „Kriegsverbrecher“

Um sie behalten zu können – wohl als politisches Faustpfand –, wurden die Gefangenen in Schnellprozessen als „Kriegsverbrecher“ zum Tode verurteilt. So erging es auch Werner Baumann am zweiten Weihnachtstag 1949 im Lager Rostow am Don. Erst nach Stalins Tod 1953 durfte er nach Hause. Bis in die 90er Jahre verschwieg er seiner Familie das absurde Todesurteil. Als das Geheimnis heraus war, hatte Baumann ein großes Ziel: rehabilitiert zu werden. Dabei half ihm der Dresdner Historiker Klaus-Dieter Müller von der Stiftung Sächsische Gedenkstätten. Er kennt hunderte ähnliche Fälle, bei diesem steche das Unrecht aber besonders ins Auge, sagt Müller. Ein erster Antrag in Moskau scheiterte, offenbar blieb er in der Bürokratie stecken. Anders der zweite Anlauf: Das Todesurteil werde „auf Grund des Widerspruchs zwischen dem Rechtsurteil und dem wirklichen Tatbestand widerrufen“, stellt das Militärgericht nüchtern fest. An Kriegsgräueln gegen die russische Bevölkerung konnte Baumann schon allein deshalb nicht beteiligt gewesen sein, weil er im Krieg nie in Russland war.

Werner Baumann hat allen Kindern und Enkeln den befreienden Brief gezeigt: „Jeder soll wissen, dass ich kein Verbrecher bin.“ Er hätte nun Anrecht auf Entschädigung, laut Gesetz müsste er dafür aber in Russland wohnen. Viel würde er ohnehin nicht erhalten. Vielleicht bekäme der 97-Jährige zur Kompensation einen Kuraufenthalt. Oder dürfte ein Jahr lang in Rostow kostenlos Bus und Bahn fahren.

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